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Evangelische Kirche in Friedrichsdorf

Im Jahr 1685 verbot der französische König Ludwig XIV seinen Untertanen calvinistischen Bekenntnisses, den Hugenotten, unter Androhung der Todesstrafe oder der Galeere, ihren Glauben auszuüben. Viele flohen ins Ausland, so auch nach Deutschland. Wie andere Landesherren, nahm auch Landgraf Friedrich II von Hessen-Homburg, sie gerne auf, waren sie doch zumeist qualifizierte Handwerker. Für sie gründete der Landgraf ein neues nach ihm benanntes Dorf – das heutige Friedrichsdorf.

Lange hatten die Friedrichsdorfer keine eigene Kirche, sondern gehörten zu der französisch-reformierten Gemeinde in Homburg. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichteten sie eine kleine Fachwerkkirche, einen temple, wie die reformierten Kirchen in Frankreich genannt wurden. Als dieser zu klein und baufällig war, riss man ihn 1834 ab. An seiner Stelle wurde 1834 - 1837 die neue Kirche gebaut. Nach einer langen Diskussion über die zu wählende Bauform, in der sich sogar die Landgräfin einschaltete, beauftragte die Gemeinde den Frankfurter Architekten Rudolf Burnitz mit der Planung und Ausführung des Neubaus. Am 28. Juni 1837, 150 Jahre nach der Gründung der Stadt, fand die Einweihung statt. Die schlichte Gestaltung des neuen temple entspricht dem gelebten Glauben der Hugenotten.

Zur Straße ist die Hauptfassade mit eingestelltem Turm und drei Portalen orientiert, die den Innenraum erschließen. Der Grundriss beschreibt ein längliches Rechteck, ohne den Chor vom Gemeinderaum besonders zu trennen. Lisenen rhythmisieren den Außenbau und gehen über in einen umlaufenden Rundbogenfries, der an die romanische Formensprache erinnert. In den Zwischenräumen ruhen die langbahnigen Fenster. Den Turm bekrönt ein Spitzhelm mit kunstvollem Gestänge, bestehend aus einer goldenen Kugel, einer Wetterfahne und einem Stern mit sechs Spitzen. Auf ein Kreuz wurde verzichtet, weil es als Symbol der römisch-katholischen Kirche angesehen wurde. In der Kugel befinden sich bauzeitliche Urkunden, Listen mit den Namen der Handwerker und der Spender, außerdem eine Aufzeichnung der Geschichte Friedrichsdorfs.

Der Innenraum der Saalkirche ist klar strukturiert und schmucklos; bis vor einigen Jahren gab es nicht einmal ein Kreuz. Denn nach reformiertem Bekenntnis darf kein schmückendes Beiwerk von der Verkündigung des Wortes Gottes ablenken. Im Chor beherrscht die barock geschwungene Kanzel den Raum. Sie wurde aus dem altem temple übernommen. Hier auf der Kanzel wurde gepredigt und Gottesdienst gefeiert, bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs französischer Sprache.

Am Altar feierte man dreimal im Jahr das Abendmahl auf das die goldene Inschrift hinweist: „Je suis le pain de vie, celui qui vient à moi n’aura pas faim, et celui qui croit en moi, n’aura jamais soif“ (Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, der wird nicht hungern und der an mich glaubt, den wird niemals dürsten. Joh. 6,35). Abweichend von anderen reformierten Kirchen wählte man keinen Holztisch, sondern einen marmornen Blockaltar. Auf der dreiseitigen Empore - die Stützen tragen paradiesische Palmkapitelle - befindet sich gegenüber von Altar und Kanzel die 1851 eingeweihte Orgel. Ihre Inschrift „Louez l‘‘Éternel“ (Lobt den Ewigen) verweist darauf, dass Gesang zu Gottes Lob ein wichtiger Bestandteil des reformierten Gottesdienstes war und ist.

Unter der Empore links vom Altar erinnert eine Gedenktafel in französischer Sprache an die 200. Wiederkehr des Gründungsjahres von Friedrichsdorf im Jahr 1887. Rechts vom Altar ist eine Gedenkplatte für die überlebenden Friedrichsdorfer Soldaten des deutsch-französischen Krieges (1870/71) angebracht, die erste deutschsprachige Inschrift Friedrichsdorfs. Im Turmuntergeschoss, dem Vorraum, weist die Inschrift des Opferstockes auf eine weitere wesentliche Tradition der Hugenotten hin, die tätige Nächstenliebe: „Souvenez-vous des pauvres“ (gedenkt der Armen). Denn der Gottesdienst endet nicht in der Kirche, sondern setzt sich auch im Alltag fort.

http://www.ev-kirche-friedrichsdorf.de/assets/image s/Kirchenfuhrer2006_klein.jpg
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